Essen und Gesundheit als soziale Fragen

Ein typisch deutsches Phänomen? Nein. Bereits 1936 zeigte der schottische Arzt und Politiker John Boyd-Orr in seinem Bericht „Food Health and Income“, dass beispielsweise der Obst- und Gemüseverzehr in der Bevölkerung sukzessive mit dem Einkommen ansteigt (Abb. 1). Interessanterweise wurde zu dieser Zeit in höheren Einkommensgruppen auch mehr Zucker verzehrt.

Abbildung 1: Soziale Ungleichheit der Ernährung in England 1936; Quelle: Socialist Health Associati-on 2021

Der Zuckerverzehr hat sich heute statusmäßig umgekehrt: Mehr Zucker in niedrigeren Statusgruppen. Der Obst- und Gemüseverzehr in dieser Form ist jedoch geblieben, wie Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys in Abbildung 2 zeigen.

Abbildung 2: Soziale Ungleichheit der Ernährung in Deutschland 2017; Quelle: Kuntz et al. 2018

Selber schuld? Wohl kaum. Denn das Ernährungsverhalten ist, wie auch alle anderen Verhaltensweisen des Lebensstils, fundamental von der sozialen Lage und den gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt. Ob man sich gesunde Ernährung leisten kann oder ob man Zugang zu gesunden Lebensmitteln hat, das ist in der Bevölkerung ungleich verteilt. So haben Ernährungswissenschaftlerinnen berechnet, dass Familien mit ALG-II-Bezug für die gesunde Ernährung ihres Vorschulkindes täglich ca. 50 Cent zu wenig haben, bei Teenagern fehlen bis zu 2,60 Euro täglich. Begehungen Kölner Stadtteile haben außerdem gezeigt, das Angebot an Fast Food – und übrigens auch Tabak und Alkohol – in deprivierten Stadtteilen größer ist als in besser gestellten Stadtteilen. Englische Untersuchungen ergaben schließlich, dass in belasteten Wohngebieten mehr Werbung für Esswaren zu finden ist.

Jenseits dieser strukturellen Einflussfaktoren – Kosten, Verfügbarkeit, Aufforderungen – ist auch die individuelle Ernährungskompetenz sozial ungleich verteilt. Ernährungskompetenz ist gewissermaßen das Rüstzeug, um Essen zu planen, auszuwählen, zuzubereiten und zu essen, so die Definition in einer Studie der AOK. Hierbei müssen u.a. Entscheidungen auf Basis zeitlicher und finanzieller Ressourcen getroffen werden, Nahrungsmittel im Hinblick auf Nährstoffe oder Lagerbarkeit ausgewählt werden, Gerichte unter Berücksichtigung von Geschmack und Hygiene zubereitet werden (Abb. 3) Ganz schön komplex? Durchaus. Und so erstaunt es nicht, dass die Studie zeigt, dass Bildung eng mit der Ernährungskompetenz zusammenhängt: Je höher der Bildungsabschluss der Befragten, desto höher auch die Fähigkeiten im Bereich der Ernährungskompetenz.

Abbildung 3: Ernährungskompetenz; Quelle: AOK 2021, S. 4

Was also tun? Wir benötigen natürlich Ansätze zur Förderung der individuellen Ernährungskompetenz von Kindheit an. Ansätze, die sich sensibel auf ihre Zielgruppen einstellen und sie – je nach Alter, Geschlecht, sozialem und kulturellem Hintergrund – „da abholen, wo sie stehen“ bzw. wie sie essen. Aber mindestens genauso wichtig sind die strukturellen Ansätze, wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht: Es braucht gesunde Ernährungsangebote in Kitas, Schulen, Mensen oder Kantinen, v.a. dort wo Bezahlbarkeit ein Problem ist wie etwa in sozial belasteten Stadtteilen. Wir benötigen auch  einfach verständliche Ernährungs-Informationen auf Lebensmitteln – es gibt zunehmend Hinweise, dass der auch in Deutschland vereinzelt eingeführte Nutri-Score Konsumentinnen und Konsumenten bei der Auswahl gesunder Lebensmittel unterstützt. Zudem sollte die Werbung überdacht werden. Bei der Evaluation der Tabakprävention in Deutschland zeigte sich, dass das Verbot der Tabakwerbung in Printmedien, im Internet und im Fernsehen dazu beitrug, dass das Rauchen in der Öffentlichkeit an Präsenz verlor. Schließlich könnte auch eine ökonomische Intervention Erfolge bringen. So haben sich infolge der Einführung der englischen Steuer auf stark gezuckerte Gränke deren Absatzzahlen halbiert und die Verkäufe von Wasser und zuckerarmen Getränken sind angestiegen.

Zusammenfassend zeigt sich eine Breite Palette von Maßnahmen, um das Ernährungsverhalten im sozialen Kontext zu beeinflussen.

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