Kein Bock mehr auf Frontenbildung

Er habe keine PR-Leute, nur gute Anwälte. Sagt Wolfgang Wölfi“ Wendland, als wir uns mit ihm in der Bochumer Innenstadt treffen. Nicht ganz ernst gemeint zwar, aber wir wollen es trotzdem nicht drauf ankommen lassen. Wir nähern uns also in diesem Text vorsichtig daran an, warum so eine Pandemie es gerade für Wendland und seine „Kassierer“ auch mit allen denkbaren Schutzkonzepten unmöglich macht, vor Publikum aufzutreten.

„Unsere Konzertgäste wippen halt nicht nur ein bisschen mit dem Fuß“, erläutert der Frontmann, dessen Band seit mehr als 35 Jahren erst im Ruhrgebiet, dann in der ganzen Republik für Furore sorgt. Für ein Publikum, dass während der Konzerte untereinander den Körperkontakt sucht oder ihn zumindest beim Tanz nicht vermeiden kann. Mit Texten, die bei diesem Publikum unter anderem den Bierkonsum anregen. Mit einem Frontmann, dessen Auftritte meist recht unverblümter Natur sind, um es mit der angekündigten Vorsicht auszudrücken. Ein „Kassierer“-Konzert mit Mindestabstand, Sitzplätzen und Schutzboxen kommt für Wendland deshalb nicht in Frage: „Es würde auffallen, dass wir das Unwichtigste bei der ganzen Geselligkeit sind.“

Wer die „Kassierer“ kennt, weiß also: Corona schlägt bei ihnen voll ins Kontor. Nicht nur wegen der finanziellen Einbußen, sondern weil es das Bandleben zunichtemacht. „Es muss Dir als Musiker auch immer etwas einfallen. Dafür braucht man die Auftritte, die einen bewegen, um weiter Musik zu machen – Erlebnisse“, schildert Wendland und verweist auf die Entstehungsgeschichte eines Liedes: „In Hannover hat beim Catering mal einer gesagt: ‚Ich wusste nicht, wie Ihr drauf seid, und hab für alle vegan gekocht.‘ Dann stellt der uns etwas Ungenießbares hin, um dann aber selbst in die nächste Pommesbude zu verschwinden. Daraus ist dann unser Lied ‚Geh mir weg mit Deiner veganen Pampe‘ entstanden.“

Um solchen Erlebnissen weiteren künstlerischen Ausdruck zu verschaffen, hatten die Kassierer in diesem Jahr eigentlich ein Theaterstück zusammen mit dem Theater Dortmund geplant. Nach der Premiere war aber Corona-bedingt leider Schluss. Seitdem bleibt für Wendland, der sich viele Gedanken macht, viel Zeit, um sich Gedanken zu machen.

Er ist eh und je politisch unterwegs gewesen: Studium der Philosophie, Pädagogik sowie Politik-, Film- und Theaterwissenschaften, im Anarcho-Kampf um öffentlichen Raum in Bochum in den 80ern, eher mäßig erfolgreicher Kanzlerkandidat 2005 für die APPD, mit rund acht Prozent erstaunlich erfolgreicher Bürgermeisterkandidat in Bochum 2015, Mitglied der Bezirksvertretung Wattenscheid, Eintritt in die SPD 2018. Weil echter Einsatz gegen rechtsextreme Tendenzen mehr als nur Satire braucht.

Dem 58-Jährigen fehlt heute bei vielen Diskussionen die soziale Komponente: „Das Starkwerden der AFD hat sicherlich damit zu tun, dass Menschen nicht mehr miteinander reden. Das Ende eines Dialogs kann der Anfang einer Radikalisierung sein.“ Auch und gerade in Klimafragen würde es immer weniger gelingen, sich anhand eines Austauschs von Argumenten auf die besten Lösungswege zu verständigen. Aber oft kann man sich noch nicht einmal auf eine gemeinsame Faktenlage einigen, zum Beispiel ab wieviel gefahrenen Kilometern ein E-Auto wirklich die bessere Klimabilanz hat.

Ein Aufstand von Arzttöchtern würde viele Menschen, die täglich über die Runden kommen müssen, nicht erreichen: „Ja, der Klimawandel ist Scheiße. Doch es gibt Themen, die sind in erster Linie ein Dilemma, da braucht es eine Güterabwägung. Eine CO2-Bepreisung kann man im Einfamilienhaus mit Solarzellen und Wärmepumpen ausgleichen, dem Mieter im Wohnblock bleibt nur ‚Zahlen oder Frieren?‘ als Entscheidung.“

So kritisiert er Abschottungstendenzen bei denjenigen, die aktuell eigentlich als progressiv gelten. Fridays For Future sei „wie ein Kaninchen vor der Schlange, das einem mit vielen Worten die Schlange beschreibt“. Das sei häufig irrational und nicht zielführend. Wendland, der passend zum Namen auf seiner Facebook-Seite auch mal die Weiternutzung der Atomkraft für denkbar hält, wenn die Klimaerwärmung das vordringliche Problem ist, ist wahrlich kein Freund grüner Besserwisserei: „Jenseits der Baumpflanzung wird es schwierig. Dass Homöopathie Stuss ist, kannst Du ihnen nicht verklickern. Dann schwurbeln die rum.“

Es gehe ihm gar nicht mal so um die Provokation, wenn er so was als Sänger einer Punkband sage oder schreibe. Ihn störe einfach, dass Debatten immer mehr im Klein-Klein der Rechthaberei stocken bleiben: „Heute bleibt jeder in seinem Cluster und glaubt, was er oder sie will. Man ist umgeben von Frontenbildung. Ich finde das manchmal anstrengend.“

Er sagt das und man nimmt es ihm sofort ab. Denn Wolfgang Wendland schafft es aus dem Stehgreif, mit äußerst kurzweiligen Schilderungen aus der Nachbarschaft die Fallhöhe von politischen Theoriedebatten darzustellen. So würde der Schornsteinfeger zu dem Ergebnis kommen, dass das Mehrfamilienhaus, in dem der Sänger lebt, selbst für Wattenscheider Verhältnisse ein „sehr nerviges Haus“ sei. Um 16 Besitzer einzelner Heizungsanlagen zu erreichen, braucht es schon eine Weile. Welche Energiepolitik die einzig wahre ist, interessiert hier ebenso wenige Menschen, wie die Vermieter der Einbau einer Zentralheizung. „So lange mir keiner eins ins Gesicht hauen will, kann ich mit sehr unterschiedlichen Leuten reden. So bekommt man einen Eindruck von Realität“, rundet Wendland ab. Er macht damit klar, warum er und seine Band auch im vierten Jahrzehnt des gemeinsamen Bestehens noch Antrieb finden.

Bereits in den Anfangsjahren haben die „Kassierer“ davon profitiert, dass die Punkszene sozial immer arg durchmischt war. Man habe jenseits von Echokammern, in denen sich Leute verorten, einen Gesamteindruck bekommen, was die Gesellschaft bewegt. Dieser Geist habe sich bis heute gehalten: „Unsere Fans sind der Durchschnitt der Gesellschaft. Nicht nur akademisch, nicht nur prollig. Es ist ein breites Umfeld: Backstage treffen wir VW-Arbeiter, dann mal den Doktor der Philosophie – man weiß es vorher nicht. Ich finde diese Mischung eigentlich ganz erfrischend.“ Und so wünscht man ihm, dass er bald wieder loslegen kann. Kulturelle Veranstaltungen tragen ganz alltäglich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei, ohne dass die Veranstaltenden dies an die große Glocke hängen – auch in einer eher hedonistischen Form, wie sie „Die Kassierer“ leben. Umso wichtiger ist es jetzt, die Veranstaltungsbranche und die Arbeitsplätze, die mit ihr verbunden sind, nicht der Krise zu opfern. Wolfgang Wendland sagt es an: „Wir warten auf den Impfstoff.“

Wir alle warten. Und wenn er da ist, gibt es für Kunst, Kultur, Musik, Sport und Publikum gemeinsam einiges aufzuholen…

„So wie Wolfgang Wendland geht es vielen Kulturschaffenden in NRW. Sie würden gerne einfach wieder ihrem Job nachgehen und mit ihrer Performance für Stimmung sorgen. Unsere Position ist klar: Wenn die Landesregierung Einschränkungen beschließt, die bestimmte Branchen besonders treffen, muss sie auch Unterstützung zur Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen leisten. Deshalb haben wir uns im Haushalts- und Finanzausschuss des Landtags wiederholt für Finanzhilfen für die Veranstaltungs- und Gastronomiebranche stark gemacht. Leider verweigerte die Regierungskoalition dem Programm in Höhe von 700 Mio. Euro im Oktober die Zustimmung. Wir setzen uns aber natürlich weiter für deutliche finanzielle Verbesserungen für Event-Unternehmen, Schausteller, Gastronomie sowie für die Kultur- und Kreativwirtschaft ein. NRW muss lebendig bleiben.“

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