Frauen und die andere Hälfte der Arbeit

Frauen sind Trainingsweltmeister: Bildung ist weiblich

Natürlich, wir haben und es wurde viel erreicht. Vor allem auf der Bildungsseite: Hier haben Frauen und Mädchen es geschafft! Ja, wirklich! 2020 waren in NRW 55%  Absolvent*innen der Hochschulreife Frauen. Im Schnitt sind ihre Noten auch besser als die der Jungen. Und sie starten voll durch an der Uni. Die besten Voraussetzungen also für den Traumjob mit Traumgehalt. Was soll da noch schiefgehen? Denkste!

Nach dem Bildungsabschluss hört es nämlich auf mit dem Aufstiegsglück. Denn auf der Arbeit gilt: Je höher die Ebene, je dünner die Luft, desto weniger Frauen sind da. Plötzlich verkehrte Welt irgendwie. Und dann sagt der Kollege an der Kaffeemaschine in Altherrenmanier: „Frauen und Technik… Komm ich zeig dir mal wie du hier Kaffee machst.“ Und das alles ist keine nur anekdotische Wahrheit, dass lässt sich auch objektiv zeigen.

Gender-Pay-Gap statt Früchte der Arbeit

NRW hat einen großen Niedriglohnsektor: 23% der Erwerbstätigen sind hier beschäftigt. Und das betrifft vor allem uns Frauen: 30% der Frauen arbeiten prekär im Niedriglohnsektor. Bei den Männern sind es knapp 19%. Und nein, diese Frauen haben eben nicht immer einen Vollverdiener-Mann an ihrer Seite, falls das eine(r) gedacht haben sollte. Frauen verdienen im Schnitt 18% weniger als Männer. Und selbst in gleicher Position verdienen Frauen immer noch 6% weniger als ihre männlichen Kollegen. Und in Führungspositionen? Da muss man die Frauen dann mit der Lupe suchen. Zu Hause aber, da arbeiten Frauen einfach mehr als Männer. Natürlich unbezahlt. Im Jahr 2019 lag der durchschnittliche Gender Care Gap bei 52,4 Prozent: So viel mehr Zeit als Männer wendeten Frauen täglich auf für Kinderbetreuung, Haushalt, die Pflege von Angehörigen, Ehrenämter und andere unbezahlte Tätigkeiten.

Dabei kann Arbeit etwas sehr Schönes sein: Wenn es gut läuft, bedeutet Arbeit gutes Geld und Sinn. Doch wenn es schlecht läuft, fehlt es an beidem. Und für Frauen läuft es zu häufig schlecht.

Selbst schuld, liebe Frauen?

Doch wer mich richtig auf die Palme bringen möchte, der sagt dann: „Selbst schuld. Die hätte doch was anderes machen können! Hat sie ja keine*r gezwungen, Alte zu pflegen.“ Da bekomme ich einen richtigen Fön. Natürlich hätte sie! Aber dann hätte dich auch keine*r gepflegt. Schon mal darüber nachgedacht?

Fakt ist doch: Wir bezahlen zu wenig für Berufe, die rein nach Angebot und Nachfrage betrachtet, viel besser bezahlt werden müssten. Denn wir brauchen ja mehr Pflegekräfte, Erzieher*innen oder Hebammen. Deshalb haben wir ja Pflegemangel! Für das Geld und bei den Arbeitsbedingungen kriegt man halt einfach nicht genügend Pfleger*innen. Da können wir noch so viele Frauen aus Osteuropa anwerben. Das reicht einfach nicht. Die Wette darauf, dass Frauen sich schon kümmern werden, um unsere Kinder, Kranken und Pflegebedürftigen.

Und jaja! Es gibt auch „Männer“-Berufe, wo es schlecht ist. Die Fernkraftfahrer, oder die Leiharbeiter bei Tönnies in der Schlachtung. Ist auch nicht schön und ist auch Ausbeutung. Und trotzdem: fast jeder Beruf, der mehrheitlich von Frauen ausgeübt wird, ist  ein schlecht bezahlter. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Und häufig sind diese Berufe systemrelevant.

Das kleine 1×1 der Diskriminierung: Familie und Beruf

Frauen leisten also viel. Und zwar mehr als sie dafür bekommen. Warum das so ist? Dazu sind mittlerweile Regalkilometer  geschrieben worden. Und wie die meisten von uns, kann ich meinen kleinen Katechismus der Diskriminierung im Schlaf aufsagen: Hausarbeit und Kinderbetreuung, Teilzeitfalle und die Pflege von Angehörigen. Sexistische Übergriffe und Vorurteile. Wir Frauen übernehmen Verantwortung für die Kinder, die Familie und den Haushalt. Meine Mutter sagte immer: „Ich bin doch keine 6-armige Göttin.“ Ich dachte immer, das 6-armig stimmt schon. Nur Göttinnen werden anders behandelt. Und daran hat sich nur wenig geändert. Immer noch leben Frauen im ständigen Spagat zwischen familiären Ansprüchen und beruflichen Ambitionen, bis wir letztere aufgeben.

Denn der strukturelle Karriereknick, das ist die Familie. Viele junge Frauen sind hin- und hergerissen zwischen Kinderwunsch und beruflicher Selbstentfaltung. Denn sie wissen ganz genau, jede berufliche Pause wird vom Arbeitsmarkt bestraft. Und auch der Wunsch nach Teilzeit lässt sich häufig nur auf einer niedrigeren Position realisieren. Dabei brauchen wir doch Kinder! Ohne sie hat unsere Gesellschaft keine Zukunft. Und doch bürden wir die Lasten der Zukunftssicherung den Frauen auf. Die dann mit Altersarmut belohnt werden. Das ist unfair. Und das ist auch dumm: Denn wir schicken dringend gebrauchte und hochqualifizierte Fachkräfte einfach an den Herd. Bei diesem Gedanken müsste jedem Ökonomen eigentlich schlecht werden.

Ein sozialer Neustart für die Frauen am Arbeitsmarkt

Es geht natürlich auch anders. Wenn wir dafür kämpfen. Denn nicht nur Rollenbilder sind konservativ, auch unsere Arbeitswelt ist konservativ und träge. Dabei brauchen flexible Arbeitnehmer*innen auch flexible Arbeitgeber*innen. Deshalb muss der Wechsel von Teil- in Vollzeit einfacher werden, statt eine Einbahnstraße nach unten zu sein. Und immer noch wird in vielen Bereichen, vor allem in Führungspositionen, Teilzeit kaum angeboten. Immer noch hängt die Karriere an der 40-Stundenwoche. Und 40 Stunden heißt: Einer arbeitet, die andere bleibt zu Hause.

Wir brauchen deshalb ein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit, wenn die Babypause beendet ist. Außerdem kämpfen wir für eine Familienarbeitszeit. Damit können beide Eltern ihre Arbeitszeiten reduzieren, ohne dass die Familie zu große Gehaltseinbußen hat. Und wir müssen Frauen fördern, in der akademischen Karriere und bei der Unternehmensgründung. Natürlich müssen wir auch die Kitaplätze und den Offenen Ganztag ausbauen. Bei beidem haben CDU und FDP nämlich auf ganzer Linie versagt.

Packen wir es an. Für einen sozialen Neustart für die Frauen am Arbeitsmarkt. Für unsere Familien. Und auch für die Väter, die endlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen.

Der Beitrag Frauen und die andere Hälfte der Arbeit erschien zuerst auf SPD Fraktion NRW.

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